Es gibt schon Momente, da fragt man sich, ob man noch ganz richtig tickt. Wenn an einem verregneten Sonntagmorgen der Wecker schon um Viertel nach acht auf Gute-Laune-Musik schaltet, dann ist das sicherlich so ein Moment. Und wenn man zwei Stunden später mit kalten Füßen über klebrige Plastikmatten läuft und Katz und Maus spielt oder für die sich jagenden Tiere als Ampelmännchen fungiert, dann auch. Gut, dass mich jetzt niemand aus meinem anderen Leben sieht, denke ich dann im Stillen und frage mich, wie ich hier hineingeraten konnte. Aber die Frage habe ich mir schon oft gestellt, und eine Antwort darauf gibt es nicht.
Nein, ich bin kein Freund von sonntäglichem Frühsport. Gebe aber zu, dass man sich nach Bezwingung des inneren Schweinehundes und überstandenem Training besser fühlt. Vielleicht nicht unbedingt wohler – die Beine sind schlapp, die Handgelenke schmerzen, die Bandscheibe hat sich auch irgendwie verhakt –,  aber man hat wieder einen Stempel im Pass, und das ist, wenn man sich meinen ein wenig genauer ansieht, schon ein Anlass zur Freude.
Es geht auch mit den StarkenFreunde, lasst mich ehrlich sein: Nicht nur bin ich kein Freund von sonntäglichem Frühsport, ich bin auch kein großer Freund von Aikido-Lehrgängen. Bin einfach eine faule Socke. Und mein Wochenende ist mir heilig. ABER: Ich gebe zu, geschadet hat es noch nie.
Diesmal also ein Landeslehrgang mit Roger Zieger beim Bramfelder SV. Extra aus Berlin ist der 5. Dan angereist – mit merkwürdigen Aufwärmspielchen im Gepäck, die bei den jüngeren begeistertes Kreischen hervorrufen, bei den älteren plötzlich auftretende Zipperlein. Och nee, muss das sein? Dieses Laufen, Rennen und Fangenspielen? Schon erstaunlich, wie geschickt sich die Generation 50+ in den Ecken rumdrückt und irgendeinen Krampf in der Wade behandelt, während das Jungvolk juchzt und rennt: "Ich krieg dich, ich krieg dich. Tick, du bist!" 
Beim Dehnen sind dann alle wieder dabei, sehen aber nicht unbedingt besser aus.  Der große Meister bringt es auf den Punkt: "Übungen, die dem Körper gut tun, sehen leider nicht immer sehr ästhetisch aus."  Die Übung "gekreuzte Hände falten, Arme zum Körper drehen und dann als Schlaufe über den Kopf ziehen" gehört mit Sicherheit dazu. Wahrscheinlich muss man als indischer Yogi auf die Welt gekommen sein (oder als 5. Dan Aikido), dass man eine solche Gelenkigkeit an den Tag legen kann.
Der Rest der Lehrstunden behandelt Techniken, die uns vertrauter sind. Die wir deshalb aber noch lange nicht besser beherrschen. Irimi-Nage, Ude-osae, Tekubi, Kaiten-Nage  …
Autsch
Es ist erstaunlich, wie schnell man wieder bei null anfängt, wenn man diese Übungen einmal wieder ganz bewusst machen soll. Arme, Füße, Hände – alles führt ein Eigenleben, und eigentlich möchte man den blauen Gurt sofort wieder abgeben. Besonders wenn ein Orangegurt schneller begriffen zu haben scheint, um was es geht, während man selbst nichts mehr kapiert und nur noch so vor sich hinstümpert. Nein, das geht gar nicht! Bevor man heulend von der Matte schleicht,  sucht man sich besser einen Schwarzgurt als Uke, da gehen die Frustmomente nicht so ans Eingemachte. Ein erster oder zweiter Dan darf, nein, er MUSS schließlich korrigieren! Dieser Respekt vor Höhergraduierten geht manchem Orange- und Grüngurt leider einfach ab. 
Ach, überhaupt, dieses ständige Wechseln. Alle Augenblicke hat man es mit einem neuen Partner zu tun. Kaum hat man einen lieb gewonnen, kommt der nächste. 
"Also, dazu hab ich heute überhaupt keine Lust", sagt Heike am Sonntag in ihrer unnachahmlichen Art. Sie ist meine Meisterin und duldet allgemein nur wenig Widerspruch. Nur deshalb (ich schwöre!) fügte ich mich ihrem Wunsch. Ansonsten hätte ich mich natürlich liebend gern wieder von einem oberschlauen Orangegurt anmosern lassen. "Ich glaub, mit deiner Zentrumsarbeit stimmt was nicht!" Aber so bin ich eben folgsam bei Heike geblieben, und es wurde doch noch ein schöner und lehrreicher Sonntagvormittag. 
Großer Dank an Roger, der mit seinen humorigen Bewegungsmetaphern ("Tut so, als hättet ihr Kopfweh …") auch dem begriffsstutzigsten Blaugurt so manche technische Eselsbrücke baute und für intensive Aha-Erlebnisse sorgte. 
Nur wie man auf E in seine Ohren atmet, diese ausgefeilte Technik muss er uns beim nächsten Mal noch etwas genauer erläutern. Wasser per Autosuggestion am Körper abperlen zu lassen, klappte dagegen schon ganz gut. Jedenfalls unter der Dusche.

Lehrgangsfoto
Petra Meyer-Schefe vom HTBU
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