Wirre Gedanken nach der Blau-Gurt-Prüfung

Mann, bin ich platt!!! Ich liege auf meinem Sofa, Füße hoch, die Fernbedienung in der Hand, zappe mich durchs nächtliche Abendprogramm. Der Daumen ist das einzige, was ich noch bewegen kann. Ein alkoholfreies Weizen wäre jetzt schön, aber dazu müsste ich zum Kühlschrank kriechen, meine Beine aber verweigern ihren Dienst. Liegen einfach nur da. Vielleicht sind sie tot. Und keiner da, der mich bedienen oder Waden-Wiederbelebungsversuche machen könnte.

Das Telefon klingelt. Gott sei dank muss ich nur den Arm ausstrecken.
„Na, darf man gratulieren?“ Ich weiß nicht, warum Männer manchmal so spöttisch klingen.
„Na, logo, was glaubst du denn!? Ich bin ab heute ein Blaugurt, Schülergrad 2. Kyu!“
Dem Liebsten sagt das nichts, aber er heuchelt wenigstens Interesse: „Und wie war's?“
Ich seufze: „Das möchtest du nicht wirklich wissen!“

Foto: PrpfungWas soll ich ihm erzählen? Dass in der Halle am Klinikweg eine Bullenhitze herrschte, dass ich am Anfang dachte, das überleb ich nicht. Dass unser Meister beim Kote-mawashi keinen Spaß versteht, dass mir mein Uke beim Kote-hineri mal wieder so den Arm verdreht hat, dass ich jedesmal hätte schreien können, dass … Nein, der Liebste würde es nicht verstehen.

„Warum machst du das?“, würde er kopfschüttelnd fragen. „Andere Frauen in deinem Alter spielen Golf.“
Meine Standardantwort: „Andere Frauen in meinem Alter sind teuer. Die brauchen jedes Jahr eine neue Bogner-Kollektion. Mein Judo-Anzug dagegen hat nur 40 Euro gekostet und ist auch nach sieben Jahren immer noch flott.“ Das sitzt, da ist er erst mal still.
Ach, es ist so schwierig zu erklären, warum ich Aikido mache. Und warum ich jetzt auf dem Sofa liege und in den Fernseher grinse wie ein Honigkuchenpferd. 2. Kyu- Grad! Mann, bin ich stolz und glücklich! Gut haben wir das gemacht. Mein Uke und ich.

Foto: PrüfungObwohl: Wie seh ich eigentlich aus? Meine Arme sind von oben bis unten mit kleinen blauen Flecken besprenkelt. Wäre ich tot, bräuchte die Kripo nicht lange nach Fingerabdrücken in meiner Wohnung zu suchen, sie würde an meiner Leiche fündig. Täter: Christian P. aus C., von Beruf Anwalt. Dass auch Körperverletzung eine Straftat ist, scheint ihm nicht bewusst zu sein. Ich möchte nur an die tiefblauen Blutergüsse an meinen Oberarmen vor zwei Jahren erinnern. Kurz vorm Kroatien-Urlaub. Den ganzen sonnigen Urlaub lang saß ich in langärmlige Kleidung gehüllt am Strand, weil sie meinen Gatten sonst sofort festgenommen hätten.

Und wieder die Frage: „Warum machst du das eigentlich?“
Ich wünschte, ich hätte eine Antwort darauf. Angefangen hat alles mit einer Reportage für die BRIGITTE. Thema: »Frauen und ungewöhnliche Sportarten«. In Flensburg sollte ich Frau Professor Ines Heindl interviewen. „Aikido ist Meditation in Bewegung“, erklärte sie mir. Sie schwebte über die Matte wie eine Elfe und sah so toll aus in ihrem schwarzen Hakama, und ich dachte: „Das will ich auch. Mich bewegen, meditieren und vor allen Dingen toll aussehen!“ Von blauen Flecken hatte sie nichts gesagt. Welche BRIGITTE-Leserin will auch schon etwas lesen von höllischen Schmerzen beim Kote-hineri und noch schlimmeren beim Tekubi.

Mit dieser segensreichen Technik darf ich mich jetzt als Blaugurt beschäftigen. Mein Uke freut sich schon. Er tut mir gern weh. Ich bin sein Blitzableiter, wenn er mal wieder einen Prozess versemmelt hat.

Foto: PrüfungsgruppeUnd ich, ich denke: Ich könnte jetzt auch aufhören. Blau – das reicht doch. Blau steht dir besser als braun, und schwarz macht sowieso blass. Aber auch schlank. Also, mach ich erst mal weiter, lass mich quälen von meinem Uke, anmosern von meinen es nur gut meinenden Meistern, hepp nehmen von den anderen Aikidokas und dann guck ich mal, wie weit ich es noch schaffe.


„Auch der längste Weg beginnt mit dem ersten Schritt“ – besagt ein japanisches Sprichwort. Ich bin schon ein weites Stück gegangen. Die Frage ist nur: Wie schaffe ich es jetzt vom Sofa ins Bett?

 

Petra Meyer-Schefe, 2.Kyu

 


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